Kapitel 25

Die Postkarten-Übungen

Diese Übungen dienen dazu, zu begreifen, wie Fertigkeiten, die einzeln geübt wurden, zu einem vollständigen Text zusammengefügt werden können.

Übung 69
Nimm eine Ansichtskarte und beschreibe, was Du siehst.

Übung 70
Erzähle drei unterschiedliche Geschichten, die die auf der Postkarte abgebildete Kulisse zum Schauplatz haben.

Übung 71
Suche Dir einen Auszug der Postkarte aus und beschreibe ihn detailliert (wenn die Postkarte zum Beispiel eine Straße zeigt, eines der Geschäfte).

Übungen 72 bis 80
Wiederhole die Übungen 69 bis 71 mit den folgenden Bildern:
– eine typische Postkarte aus einem Strandurlaub
– ein Bild aus einer Zeitschrift für Inneneinrichtung oder Architektur
– ein Bild aus einer Modezeitschrift

Übung 81
Nimm eines der Bilder, die Du gewählt hast, und erzähle, was geschah, bevor das, was auf dem Bild zu sehen ist, so aussah, wie es jetzt aussieht.

Kapitel 24

Die Phantombild-Technik

Man stelle sich ein Polizeirevier vor. Das Opfer einer Entführung und ein Zeuge werden befragt. Das Opfer wurde erst überwältigt, es wurde dafür gesorgt, dass es nicht sehen kann, wo es sich befindet und wer seine Entführer sind. Wahlweise kann man sich auch ein blindes Opfer eines anderen Verbrechens vorstellen. Anhand von Geräuschen, Gerüchen und anderen Sinneseindrücken muss es ergründen, was passiert ist, und es den Ermittlern erzählen.
Ebenso muss der Augenzeuge anhand von Farben, Formen und anderen Beschreibungen versuchen, darzustellen, was er mitbekommen hat.
So entsteht Text.
Befragt man sich selbst auf diese Weise, bevor man einen Satz schreibt, bekommt man so einen sehr präzisen und aussagekräftigen Text.

Die Ermittler wiederum müssen aus den gegebenen Beschreibungen herauszulesen wissen, was Darstellung und was Interpretation ist und wie ernst zu nehmen oder verzerrt die einzelnen Wahrnehmungen sind und daraus anhand ihrer bisherigen Erfahrungen ihre eigenen Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen konstruieren. So funktioniert Lesen und Literaturwissenschaft.

Schreiben ist spannend, Schreiben ist ein Thriller, ein Krimi, und wenn Du Dir dies vor Augen führst, wirst Du ganz sicher plastischere und lebendigere Texte schreiben.

Übung 66
Beschreibe eine Szenerie Deiner Wahl aus Sicht eines befragten Zeugen, jedoch ohne die Ich-Form zu verwenden.

Übung 67
Interpretiere Deinen eigenen Text aus Sicht eines Ermittlers.

Übung 68
Beschreibe den Vorfall aus Sicht des „blinden“ Opfers.

Kapitel 23

Perspektivenwechsel

Du hast in den letzten 22 Kapiteln schon eine Menge gelernt. Nun ist es an der Zeit, diese Fertigkeiten zusammenzufügen, die verschiedenen Möglichkeiten zu begreifen, die ein einziger Gegenstand, ein einziges Bild, eine einzige Situation beinhalten können.

Übung 64
Nimm ein Bild – idealerweise aus einer Zeitschrift – einer konkreten Situation, die eine Gruppe von Menschen darstellt. Die Abbildung eines Catwalks auf einer Fashion-Week ist ein gutes Ausgangsmaterial, aber auch ein Bild aus einem politischen oder touristischen Kontext.
Beschreibe dieses Bild mit jeweils 5 bis 10 Zeilen aus Sicht der verschiedenen Personen, die sich darauf befinden. In dem Beispiel der Fashion-Week wäre das das Model, der Modemacher, der Gast, der Journalist, der Photograph, der Kommentator, der Techniker, der meistens im Hintergrund zu sehen ist.

Übung 65
Hast Du alle Elemente berücksichtigen können, die Du in den vorigen Kapiteln gelernt hast? Ist Deine Beschreibung plastisch, lebendig, stimmungsvoll? Was konntest Du nicht einbringen und warum?

Kapitel 22

Geräusche beschreiben

Wir, die wir in deutscher Sprache schreiben, haben es besonders leicht: Kaum eine andere Sprache kennt so viele Adjektive, um Geräusche zu beschreiben. Aber ein Text ist keine Aneinanderreihung von Wörtern. Wie bei den Übungen aus den vier letzten Kapiteln geht es vor allem darum, Deinen eigenen Weg zu finden.

Die folgenden Übungen sollen Dir dabei ein wenig helfen.

Übung 61
Du sitzt an der Terrasse eines Cafés auf einer besonders belebten Straße oder einer Strandpromenade an einem heißen Sommertag. Alles um Dich herum ist Klang. Beschreibe Deine Sinneseindrücke.

Übung 62
Wiederhole die Übung 61 an einem winterlichen Tag. Nun sitzt Du im Café.

Übung 63
Wähle eine Szenerie Deiner Wahl, in der Geräusche aus Deiner Sicht eine besonders wichtige Rolle spielen. Es kann der Moment sein, in dem Du wach wirst oder einschläfst, ein Museumsbesuch, eine Wohnungsbesichtigung, ein Tag im Wald … oder etwas ganz anderes. Schreibe hierzu einen kurzen beschreibenden Text von max. 12 Zeilen.

Kapitel 21

Licht beschreiben

Wie auf einer Fotografie, in einem Film oder einem Gemälde ist Licht in jedem Text von entscheidender Bedeutung. Licht ist Atmosphäre, und ohne Atmosphäre ist ein Text nicht vollständig und nicht stimmig, ohne Atmosphäre gibt es keine Geschichten.
Deshalb ist es besonders wichtig, Licht wahrnehmen und beschreiben zu lernen.
Zwischen hell und dunkel gibt es sehr viele Unterschiede. Doch wie macht sich Licht überhaupt bemerkbar? Hat man diese Frage beantwortet, ist man schon ein ganzes Stück weiter. Eine Farbe kann, je nachdem, ob sie im Licht oder im Schatten steht, ganz unterschiedlich ausfallen. Auch künstliches oder natürliches Licht können eine Farbe ganz anders aussehen lassen. Formen können von Licht hervorgehoben oder weichgezeichnet werden.

Wie bei der Beschreibung von Farben, Formen und Düften auch solltest Du hier versuchen, Dich von klischeehaften Assoziationen zu lösen und einen möglichst eigenen und originalen Weg zu finden, um die Eindrücke zu vermitteln, die Deinem Text die passende Atmosphäre verleihen. Frage Dich, was das Licht verändert, was es betont und weglässt, und welche Stimmung sich daraus ergibt. Lerne zu beobachten und zu unterscheiden, was Licht an verschiedenen Orten ausmacht.

Übung 58
Schreibe einen kleinen Text von etwa 10 bis 12 Zeilen zu einem der folgenden Themen:
– am Strand
– im Garten
– im Wald

Übung 59
Schreibe einen kleinen Text von etwa 10 bis 12 Zeilen zu einem der folgenden Themen:
– im Café
– in der Hotellobby
– im Theater

Übung 60
Nimm Dein Thema aus der Übung 58 und transponiere es zu verschiedenen Tageszeiten.

Was ist für Dich hier besonders schwierig gewesen? Oder war es zu einfach? Lasse es uns wissen!

Kapitel 20

Düfte beschreiben

Düfte werden in der bildenden Kunst oft suggeriert. Wie gut man sich den Duft vorstellt, hängt davon ab, wie plastisch und realistisch die Darstellung ist. Bringt einem ein Bild Pfirsiche oder Blumen zum Greifen nah, wird man sie riechen, auch wenn sie nicht da sind. Ist das Bild weniger plastisch, gelingt das nicht. Auch Fotografien können Düfte andeuten, aber nicht wirklich vermitteln.
Hier ist der Text dem Bild überlegen, denn Worte sind präzise Werkzeuge und ermöglichen es, alle Facetten eines Geruchs zu erfassen.

Derselbe Duft kann auf sehr unterschiedliche Weise wiedergegeben werden. Ein schöner Text entsteht in erster Linie dann, wenn der Geruch genau, bildhaft, aber ohne klischeehafte Adjektive wiedergegeben wird. Gerade Letzteres ist für Anfänger oft nicht ganz einfach. Das Geheimrezept? Die Suche nach gnadenloser Originalität.

Übung 55
Beschreibe in wenigen Sätzen einen Duft, den Du besonders magst, und einen Geruch, den Du überhaupt nicht magst.

Übung 56
Lies Deine beiden Texte noch einmal durch und unterstreiche alle Adjektive oder Ausdrucksweisen, die ein Leser in diesem Zusammenhang als „erwartet“ bezeichnen würde. Ersetze diese Adjektive nun – nicht nur durch gleichwertige Synonyme oder Vergleiche, sondern durch Wörter, die man in diesem Kontext nicht erwarten würde.

Übung 57
Schreibe einen kurzen Text zu einem (oder mehreren oder allen, wenn Du es möchtest, natürlich) der folgenden Themen:
– gegrillter Fisch
– warmer Pfirsichkuchen
– heiße Schokolade
– Tee
– Kaffee
– Dein Parfüm/After Shave
– Flieder
– Pilze im Wald
– Sommerregen

Kapitel 19

Formen beschreiben

Formen zu beschreiben gehört zu den schwierigsten Übungen überhaupt. Es sind schließlich drei Dimensionen zu erfassen, und gleichzeitig darf das Konkrete nicht zu Lasten einer bildhaften und impressionistischen Ausdrucksweise überbewertet werden. Die Gratwanderung zwischen einer zu sachlichen und zu unpräzisen Beschreibung bestimmt über Erfolg und Misserfolg. Präzision darf nicht zu mathematischer Kälte verkommen – und dabei sind viele Details zu berücksichtigen.

Ein Gegenstand ist nicht nur rund oder quadratisch, und Formen werden nicht nur mit den Augen erfasst. Besonders wichtig ist es hier also, alle Sinne mit einzubeziehen, ohne dass der Text jedoch zu einer seelenlosen Aufzählung von Kriterien nach einem starren Schema wird.
Für die Beschreibung einer Form spielen Linien, Größen, Optik und Haptik, Konsistenz, Schatten und Licht eine Rolle.

Wenn Du Schwierigkeiten hast, eine Form zu beschreiben, frage Dich, woran sie Dich erinnert. Aber Vorsicht: Die Suche nach Assoziationen kann als Starthilfe betrachtet werden, darf jedoch nicht Inhalt im eigentlichen Sinn sein und wörtlich zum Ausdruck kommen.

Um zu üben, einen besonderen Blick auf Formen zu werfen, solltest Du genau anders herum beginnen. Die Analyse von Adjektiven, die im Allgemeinen für die Beschreibung von Formen verwendet werden, hilft Dir, aus dem Detail die Form zu erfassen und wiederzugeben.

Übung 51
Wähle in der folgenden Liste von Adjektiven das Wort aus, das Dich besonders anspricht.
Schreibe dazu auf, inwiefern dieses Adjektiv sich auf eine Form beziehen kann und welche Aspekte einer Form es betrifft.
schaumig – cremig – gewunden – geriffelt – kalt – komplex – schlicht

Übung 52
Suche nun selbst eine Form aus, die Du beschreiben möchtest. Schreibe hierzu einige Sätze (max. 10 Zeilen).

Übung 53
Notiere nun, was an diesen Übungen für Dich besonders einfach und besonders schwierig war.

Übung 54
Beschreibe einen Gegenstand, dessen Formen Du besonders magst, und erkläre, was für Dich daran besonders ist. Es kann sich ebenso gut um einen Gegenstand handeln, den Du besitzt, um eine Statue oder eine Kunstinstallation, einen Stein, einen Baum oder etwas ganz anderes.

Du hast Schwierigkeiten? Du hast etwas gelernt? Teile es uns mit!

Kapitel 18

Farben beschreiben

Farben sind nicht immer das, was sie scheinen. Sie plastisch zu vermitteln, ist deshalb nicht einfach. Schatten etwa ist nicht immer grau. Je nach Wetter, Ort, Hintergrund und Nebenfarben kann er sehr unterschiedlich ausfallen: violett, schwarz, beige, weißlich, grün, braun, orange, blau …
Eine präzise Farbbeschreibung ist für die Schönheit eines Textes nicht so wichtig wie eine lebendige Umsetzung.

Um zu lernen, Farben so wiederzugeben, dass ein konkretes Bild in der Vorstellung des Lesers entsteht, ist es ratsam, sich bewusst mit der Komponente „Farbe“ auseinanderzusetzen. Zu Beginn ist es durchaus hilfreich, Kataloge für Künstlerbedarf durchzublättern und sich dort die Vielfalt und die Bezeichnungen anzusehen. So wird die Wahrnehmung für Detailfragen gestärkt … und zugleich der Wortschatz erweitert.

Mit den folgenden Übungen kann es Dir zudem gelingen, eine gewisse Geschmeidigkeit in der Beschreibung von Farben zu erreichen. Vermeide allerdings als Ausgangsmaterial die Primärfarben.

Übung 48
Suche Dir eine Farbe aus – zum Beispiel Deine Lieblingsfarbe – und schreibe alle Nuancen auf, die diese Farbe annehmen kann.

Übung 49
Schreibe zu jeder Farbe aus der Liste, die Du in der Übung 48 erstellt hast, einen Gegenstand (im weitesten Sinne des Wortes) auf, der mit dieser Farbe assoziiert werden könnte.

Übung 50
Nimm erneut die Liste aus der Übung 48 und schreibe zu jeder der Nuancen Deiner ursprünglichen Farbe eine Beschreibung auf. Wie würdest Du jemandem, der diese Nuance nie gesehen hat, beschreiben, wie er/sie sie sich vorzustellen hat?

Und wie immer wäre es schön, wenn Du uns mitteilst, was für Dich an dieser Übung besonders einfach, besonders schwierig, besonders reizvoll war, oder auch, was gar nicht funktioniert hat.

Kapitel 17

Stimmungen und Gefühle

Neben bestimmten konkreten und sinnlichen Eigenschaften eines Objekts oder einer Szenerie haben Stimmungen auch eine psychologische Komponente: Sie entstehen nicht zuletzt aus unseren Gefühlen und Interpretationen.

Der Stimmung auf der Spur
Im Film setzt sich die Stimmung einer Szene aus vielen Faktoren zusammen, die einfach zu bestimmen sind: Bildkomposition, Requisiten, Licht, Farbfilter und Musik sind der Weg dahin, wo der Regisseur uns hinführen will. Alle Medien, die im weitesten Sinne Geschichten erzählen, funktionieren auf dieselbe Weise: Sie manipulieren unsere Wahrnehmung, indem sie an Mechanismen appellieren, die wir evolutions- und kulturbedingt verinnerlicht haben und in unserem Gehirn gespeichert sind. Dessen bedient sich zum Beispiel die Werbung.

Wechselwirkungen
Stimmungen können auch von unserer persönlichen Gefühlslage beeinflusst werden. Ein Presslufthammer kann als nerviges Geräusch aufgefasst werden, das einem Kopfschmerzen beschert, die Konzentration stört, Telefonate verhindert und Stress verursacht. Es kann auch ein Geräusch sein, das Aufbruchsstimmung, Neuanfang, Frühling signalisiert und voller Leben ist. Hier kommt es auf die Interpretation an.

Kontext ist alles
Ein Herbstregen kann uns unglaublich traurig stimmen, ein warmer Sommerregen kann als zärtliche Umarmung empfunden werden. Neben psychologischen Reflexen und der Projektierung unserer eigenen Verfassung ist auch der Gesamtzusammenhang für die Entstehung der richtigen Stimmung wichtig.

Übung 43
Suche drei Werbungen (in Zeitschriften oder in Form von TV-Spots) aus und benenne zu jeder die Stimmung, die erzielt wird. Versuche, zu ergründen, wie das gelingt.

Übung 44
Schreibe 3 Briefe an 3 verschiedene Freunde, in denen Du dieselbe Begebenheit erzählst: einen Brief an einen guten Freund mit einem sehr positiven Grundton (wahlweise humorvoll, witzig, fröhlich), einen Brief mit einem neutralen Grundton an einen Bekannten (Nachbar, Arbeitskollege), mit dem Du keine besonders persönliche Beziehung pflegst, und an einen anderen Freund einen Brief, in dem Du das Erlebnis sehr negativ (traurig, depressiv, verärgert, zornig) schilderst. Am Anfang kann es einfacher sein, nur eine Stimmung am Tag zu bearbeiten. Verwende dabei niemals die Ich-Form, um Deine Gefühle und Deine Stimmung auszudrücken.

Übung 45
Analysiere die Unterschiede zwischen den Briefen.

Aus der Musik lernen
Eine wichtige Übung ist in der Musik die Transposition: Dieselbe Melodie wird in unterschiedlichen Tonarten, Rhythmen und Stilen gespielt – als Popsong, Heavy Metal, Reggae, Symphonie, Kammermusik. Dies dient dazu, zu erkennen, was bei gleicher Melodie den Charakter eines Stückes bestimmt.
Diese Methode hilft Dir, Deine Fertigkeiten zu vertiefen.

Übung 46
Nimm ein Bild einer Herbstlandschaft. Beschreibe es in drei Versionen: eine fröhliche, eine neutrale, eine traurige.

Übung 47
Nimm ein Bild, das typisch für die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit des Sommers ist. Beschreibe, was Du siehst so genau wie möglich, jedoch so, dass das Ergebnis den Leser traurig stimmt.

Kapitel 16

Stimmungen und Töne

Was macht die Stimmung eines Textes aus? Warum fühlen wir uns beim Lesen eines Textes wohl und entspannt oder unangenehm nervös? Und warum können wir es so schlecht definieren?

Der Text als Raum
Texte sind wie Räume. Wir nehmen sie zunächst intuitiv wahr, und es ist nicht immer einfach, zu ermitteln, wie dies geschieht. Wenn wir ein Haus betreten, können wir im ersten Moment nicht sagen, warum wir es als beklemmend empfinden. Wir wissen vorerst nur, dass wir uns nicht wohl fühlen und am liebsten schnell wieder weg möchten. Befinden wir uns dagegen in einem Zen- oder Klostergarten oder in einem Spa, spüren wir förmlich, wie Ruhe uns umgibt, ohne wirklich in Worte fassen zu können, was hier passiert. Des weiteren können die Einrichtung in quantitativer und qualitativer Hinsicht, die Nutzung des Lichts, die Farbwahl einen Raum vollkommen verwandeln und eine völlig neue Atmosphäre entstehen lassen. In einem Mietshaus mögen die Grundrisse der einzelnen Wohnungen identisch sein, hinter jeder Tür verbirgt sich eine ganz andere Stimmung.

Schreiben ist Inneneinrichtung
Ob ein Text ruhig oder lebhaft, optimistisch oder pessimistisch klingt, liegt an der Art, wie er einerseits strukturiert und andererseits bestückt wird. Die Länge der Sätze spielt ebenso eine Rolle wie die Wahl der Adjektive. Kurze einfache Sätze wirken ruhig und puristisch, verschachtelte überladen und manchmal unaufgeräumt.
Um den richtigen Ton zu treffen, ist es hilfreich, sich die leere Seite als Raum vorzustellen, und zu entscheiden, welche Wirkung erzielt werden soll.

Übung 38
Nimm als Grundlage für diese Übungen drei Bilder, zum Beispiel aus einem Einrichtungsmagazin oder Fotografien Deiner eigenen Wohnung. Ein Bild sollte eine ruhige Atmosphäre ausstrahlen, ein anderes Bild eine sehr opulent eingerichtete Wohnung zeigen, ein drittes Geschäftsräume oder Büros zum Thema haben.
Schreibe zu jedem Bild Adjektive, die Du als passend empfindest, um die jeweilige Stimmung zu charakterisieren.

Übung 39
Wiederhole die Übung, indem Du jedem Bild ein Material (z.B. Holz, Stein, Glas, Stoff, Metall …) zuweist, dann eine Grundfarbe, ein Licht (natürlich, künstlich, gelb, weiß, blau …), eine haptische Eigenschaft (rau, weich, warm, kalt …), einen Duft, eine Struktur (leer, voll, kompliziert, verschachtelt, einfach …) und einen Klang (hell, dunkel, laut, leise …). Idealerweise sollten die Antworten so intuitiv und spontan wie möglich sein. Lasse diese Notizen mindestens 24 Stunden ruhen und versuche auch, die Übung ganz aus Deinem Gedächtnis zu streichen.

Eine Stimmung festgelegt zu haben, genügt nicht, um sie wiedergeben zu lernen. Die folgenden Übungen können dazu beitragen. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass nur durch entsprechende Wiederholungen und Vertiefungen eine gewisse Qualität in der schriftlichen Umsetzung von Stimmungen entstehen kann.

Übung 40
Nimm die Notizen aus der Übung 39, jedoch nicht die Bilder. Schreibe anhand der festgehaltenen Eigenschaften einen kleinen Text von etwa 10 Zeilen, in dem Du den Raum, den sie charakterisieren sollen, für einen Unbekannten beschreibst.

Übung 41
Beschreibe anhand der Notizen aus der Übung 39 einen Gegenstand, dann einen Ort, dann eine Situation, die diesen Eigenschaften entsprechen, ohne die Begriffe aus den Listen konkret zu verwenden.

Übung 42
Vergleiche die Texte aus den Übungen 40 und 41 mit den ursprünglichen Bildern. Würdest Du sagen, dass tatsächlich dieselbe Atmosphäre wiedergegeben wurde? Ist es Dir gelungen, sie zu vermitteln? Was funktioniert in Deinem Text nicht? Notiere, was nicht stimmig ist.

Diese Übungen helfen Dir, für Dein Gespür die richtigen Worte finden zu lernen. Nur wenn Du in der Lage bist, Stimmungen zu analysieren, ihre Ursachen zu finden, wirst Du sie auch zu beschreiben wissen. In dieser Hinsicht ist die Technik durchaus mit derjenigen der Übungen 4 und 8 zu vergleichen: erkennen, benennen, wiedergeben.